Das Verdauungssystem des Pferdes ist vergleichbar mit einer Fabrik, die entworfen wurde , um in kurzen Abständen kleine Mengen an Nahrung zu verarbeiten und sie in Nährstoffe aufzuspalten, die dann in Energie umgewandelt werden. Hinsichtlich des Endergebnisses trifft das ebenso für die Kuh, das Schwein, den Hund, und die Katze oder sogar den Menschen zu. Aber, das „pferdische“ Verdauungssystem ist einzigartig und möglicherweise anfälliger, für Probleme als die meisten anderen.Dies beruht nicht etwa auf der schlechten Konstruktion der „Verwertungsanlage“, sondern es ist das Resultat der durch den Menschen aufgezwungenen Veränderungen dessen, was die Natur für das Pferd vorgesehen hatte. In der Freiheit haben Pferde nicht viel zu tun, außer zu grasen, sich vor Jägern zu schützen und für Nachwuchs zu sorgen. Das heißt, sie ziehen durch die Landschaft auf der Suche nach jungen Gräsern, die einfach zu verdauen sind. Sie grasen, während sie die Weiden durchstreifen und nehmen während des Tages – und sogar nachts – immer nur kleine Mengen an Nahrung auf. In diesem Drehbuch gibt es wenige Verdauungsprobleme.
Die Änderungen durch den Menschen jedoch sind einschneidend:
• Zunächst muss das Pferd Arbeitsaufgaben bewältigen, für die Gras als Energielieferant alleine nicht mehr ausreicht.
• Gleichzeitig wird das Pferd nun in der Auswahl seiner Nahrung in erheblichem Masse eingeschränkt. Es durchstreift nicht mehr nach Belieben die Graslandschaft und wählt auserlesene Punkte für das Weiden aus. Stattdessen wird der Radius des Pferdes auf Weiden oder Koppeln begrenzt, in denen es wenig Auswahl hat. Das Pferd muss sich mit dem begnügen, was ihm vom Mensch zu Verfügung gestellt wird.
• Weil seine Besitzer oder Pfleger oft nur wenig Zeit haben, ist das Pferd nicht mehr in der Lage, kleine Mengen häufig zu fressen. Stattdessen werden ihm in aller Regel große Portionen an Nahrung angeboten, und das oft nur einmal pro Tag.
Das Alles stellt einen nicht zu unterschätzenden Angriff auf das Verdauungssystem des Pferdes dar, dem es meist auf Dauer nicht gewachsen ist. Koliken und ähnliche Verdauungsprobleme sind das Resultat.
Die gute Nachricht aber ist, Wissenschaftler haben sich an die Arbeit gemacht, um nach Wegen zu suchen, auf denen man die Ernährung des Pferdes wieder in ein Gleichgewicht bringen kann.
Es stehen uns mittlerweile Informationen zu Verfügung bzgl. der Nährstoffe, die das Pferd auf unterschiedlichen Leistungsniveaus und unter differenzierten Umweltbedingungen benötigt. Z.Bsp. stellt ein Arbeitspferd andere Anforderungen an seine Nahrung, als ein pausierendes Weidepferd; die lactierende Stute wiederum benötigt anderes Futter als der Wallach beim Wanderreiten.
Immer größere Bedeutung misst man zudem nun auch der Zufuhr kleiner Futtermengen anstelle der traditionellen großen Einmalrationen bei. Anhand wissenschaftlicher Untersuchungen und deren Ergebnissen wird schnell klar, dass die wesentlichen Faktoren für Wohlbefinden und Leistungsbereitschaft unserer Pferde durch eine artgerechte und zeitgemäße Fütterung gebildet werden.
Es ist also unumgänglich für Jeden von uns, sich mit dem Wesen und der Funktion der equiden „Futterfabrik“ bekannt zu machen, um ein Verständnis für Ursache und Wirkung entwickeln zu können, um zu Wohlbefinden und Leistungsbereitschaft unserer Pferde beizutragen und Risiken zu vermeiden.
In diesem Artikel werden wir uns daher in einfacher und verständlicher Form mit der „Futterfabrik“ auseinandersetzen.. Das Ergebnis sollte ein Nachdenken sein, möglicherweise ein Umdenken, welches sich eventuell dann sogar in einer Änderung der Futter- und Weideplanung äußert. Dabei sind diese Resultate so individuell, wie wir Besitzer und unsere Pferde. Wichtig ist nur zu wissen: Egal wie schwierig die örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten eine Anpassung an artgerechtere Fütterung und Haltung machen, manchmal haben schon kleine Veränderungen große Wirkung. Wie auch immer man das Thema angeht, alleine der Wille zählt.
Wenn Sie diesen Artikel bis hierhin gelesen haben, dann denken wir, ist dieser Wille und auch der Wunsch nach Veränderungen bei Ihnen vorhanden. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung! Also, packen wir’s an
Der Mund
Eine Auseinandersetzung mit dem Verdauungssystem muss mit dem Mund anfangen.
Da Pferdemaul verfügt über drei Speicheldrüsen, die bis zu 40 Liter Speichel pro Tag produzieren können. Egal, wie viel im Trog ist, die Backenzähne zermalmen es mit 80 Kieferschlägen pro Minute zu einem sämigen Brei, der sich dann auf den 1,5 Meter langen Weg zum Magen macht. Der Hauptzweck des Speichels hierbei ist für die nötige Konsistenz zu sorgen. Es gibt aber auch zwei Bestandteile im Speichel, die helfen, den verdauungsfördernden Prozess zu starten. Ein Bestandteil ist Bikarbonat, ein Puffer und Schutz gegen die Aminosäuren im Magen. Speichel enthält auch kleine Mengen an Enzymen, die die Kohlehydratverdauung unterstützen. Das Pferd auf der Weide beginnt den Essensprozess, wenn es nach dem Gras greift, indem es eine Kombination der Lippen, der Zunge und der Zähne verwendet. Von Forschern wurde geschätzt, dass das durchschnittliche Pferd ungefähr 60.000 „mal pro Tag“ zugreift“. Diese Menge wird selbstverständlich drastisch verringert, wenn das Pferd bei der Heu- und Futteraufnahme begrenzt wird. Der uns allen bekannte Nebeneffekt ist die geringfügige Abnutzung der Zähne. Es bilden sich scharfe Ränder, die, wenn nicht behandelt, beim Pferd zu Störungen bei der Nahrungsaufnahme führen, da ein korrektes Kauen nicht mehr möglich ist.
Esophagus
Auch Speiseröhre genannt ist ein einfacher muskulöser Schlauch, der zwischen 1,3 und 1,5 Meter lang ist. Sie übermittelt Nahrung vom Mund zum Magen. Wenn das Pferd Gras oder auch Heu aufnimmt, treten wenige Probleme, die den Esophagus betreffen, auf. Füttert man jedoch Äpfel, Karotten usw. in nicht genügend zerkleinerter Form, kann es zu Schlundverstopfungen kommen, wenn nicht richtig gekaut wird. Das kann auch geschehen, wenn Kraftfutter in Eile heruntergeschlungen wird. Weil ein Pferd nicht aufstoßen kann, kann ein „Verschlucken“ der Nahrung ernste Konsequenzen haben.
Der Magen
Im Vergleich zur Größe eines Pferdes ist der Magen ziemlich klein und macht nur 10% des gesamten Verdauungssystems aus. Die Größe des Magens variiert dabei zwischen 8 und 16 Litern. Wie auch immer – der Magen funktioniert am besten, wenn er nur zu dreiviertel gefüllt ist – eine Tatsache, die für die häufige Fütterung kleiner Mengen spricht. Der Nahrungsmitteldurchlauf ist relativ schnell. Tatsächlich kann es sein, dass ein Teil der aufgenommenen Nahrung bereits wieder den Magen verlassen hat, bevor das Pferd seine Futterration komplett aufgenommen hat. Dabei kann es sich um einen Zeitraum von nur 15 Minuten Handeln.
Im Magen angelangt wird die Nahrung mit Pepsin (ein Enzym zur Zerlegung von Proteinen) und Salzsäure (Sie hilft feste Partikel aufzugliedern und stopt die bakterielle Gehrung) gemischt.
Der Magen hat drei Hauptregionen:
• saccus caecus (Mageneingang)
Die saccus caecus Region befindet sich nahe dem Punkt, in dem der Esophagus in den Magen mündet. Hier wird die Salzsäure zuerst mit Nahrung vermischt und der Gärungprozeß verlangsamt, der mit der Freisetzung von löslichem Zucker aus der Nahrung im Pferdemaul anfing. Es ist wichtig, dass kaum Gärung im Magen stattfindet, da es sonst zu Bildung von Gasen kommt und das Pferd kaum eine Möglichkeit zur kurzfristigen Entledigung der Gase aus dem Magen hat (es kann nicht aufstoßen ).
• Fundus – Der zweite Bereich ist der Fundus. Dort verringert sich der Gärungsprozess nochmals.
• Pylorus – Die Region vor dem Magenausgang. An diesem Punkt hat die Gärung fast aufgehört, aber die Proteinverdauung nimmt zu
Wir haben also ein weiteres Argument für eine häufige Fütterung kleiner Nahrungsmengen: Dem Magen tut es nicht gut, wenn er leer ist. Es bilden sich starke Säuren bei der Arbeit im Magen und nur wenn ein regelmäßiger Nahrungsfluss vorhanden ist, wird die Magensäure vorteilhaft für die Verdauung der Fette und der Aminosäuren eingesetzt. Jedoch wenn der Magen leer ist, nimmt die Säure die ungeschützten Magenwände der saccus caecus Region des Magens in Angriff (der nicht-glanduläre Bereich des Magens). Daraus resultieren häufig Magengeschwüre, die Wohlbefinden und Leistungsbereitschaft des Pferdes erheblich einschränken.
Dünndarm
Die teilweise verdaute Nahrung geht vom Magen in den Dünndarm über, der ungefähr 28% des Verdauungssystems darstellt.
Im Allgemeinen ist der Dünndarm ein Schlauch, der den Magen mit dem Blinddarm und dem großen Grimmdarm verbindet. Im Durchschnitt ist er ungefähr 21 Meter lang mit einem Durchmesser von ca. 7 cm im Dehnungszustand; Er hat eine Kapazität von ungefähr 45 Litern. Obgleich es wenige Ähnlichkeiten zwischen den Verdauungssystemen der Kühe und den Pferden gibt, hat der Dünndarm bei allen die ungefähr gleiche Kapazität. Jedoch ist der Dünndarm der Kuh fast zweimal so lang, aber nur halb so weit, wie der des Pferdes. Im Dünndarm des Pferdes finden wichtige verdauungsfördernde Prozesse statt. Der Darm selbst sondert Enzyme ab, um den Prozess zu erleichtern, aber der Hauptlieferant ist die Pankreas (Bauchspeicheldrüse). Diese liefert Enzyme, welche Proteine, Fette, Stärken und Zucker aufzugliedern. Diese körpereigenen Spaltmoleküle knacken Kohlenhydrate, Proteine und Fett im Futter. Die Endprodukte sind Zucker, Stärken und Fettsäuren. Gleichzeitig werden Lipasen und Galle von der Leber dem Nahrungsbrei hinzugefügt, um Fette im Wasser zu emulgieren. Das Pferd hat keine Gallenblase (die Galle speichern könnte), d.h. die Galle wird direkt von der Leber in den Dünndarm gelenkt. Erreicht dieser Prozess im Dünndarm sein Ende, wird die Nahrung durch die Wände des Dünndarms aufgesogen und durch den Blutstrom im Körper verteilt. Zwischen 30-60% der Kohlenhydratverdauung und -absorption und fast die gesamte Aminosäurenabsorption findet im Dünndarm statt. Zusätzlich werden Vitamine A, D, E und K im Dünndarm aufgenommen, sowie Mineralien, wie Kalzium und Phosphor. Dieser Prozess dauert etwa 30 bis 90 Minuten. Je schneller sich die Nahrung durch den Dünndarm bewegt, je weniger Zeit bleibt dort für die Enzyme Ihre Aufgaben zu erledigen.
Der Grimmdarm
Er ist in fünf wichtige Abschnitte unterteilt:
• Der Blinddarm, ungefähr 1,2 Meter lang, mit 30 cm Durchmesser und einem Fassungsvermögen von 30 Litern. Bis zu 1,5 Liter Futterbrei spritzen auf einmal in den Blinddarm. Der Blinddarm ist ein ungerade geformtes Organ, dessen Ein-bzw. Ausgang sich an der Oberseite befinden. Nahrung kommt an der Oberseite herein, wird verarbeitet, um dann den Blinddarm auf dem gleichen Weg wieder zu verlassen. Wenn ein Pferd nun Trockenfuttermasse mit einem zu geringen Anteil an Flüssigkeit aufnimmt, kann es zu Verstopfungen im Blinddarm kommen, die dann zur Kolik führen. Die Nahrung kann bis zu sieben Stunden im Blinddarm bleiben. Hier und im angeschlossenen großen Grimmdarm zersetzen Massen von Einzellern und Bakterien, sogenannte Mikroorganismen, Zellulose aus Heu und Stroh. Fettsäuren werden frei gesetzt, die als sofort verfügbare Energie in den Blutstrom gelangen. Der Blindarm ist frei von Sauerstoff.
• Der große Grimmdarm, ungefähr 6-8 Meter lang mit ca. 20 cm Durchmesser und einem Fassungsvermögen von 100 Litern. Genau wie der Blinddarm ist der Grimmdarm frei von Sauerstoff und nahrungsspezifische Mikrobenbevölkerungen zersetzen dort weiter den Nahrungsbrei. Der große Grimmdarm wird zusammen mit dem Blinddarm auch die Gärkammer genannt. Fäulnisbakterien greifen das restliche Eiweiss im Futter an. Dabei entstehen Gase wie Methan, Kohlendioxid und stinkender Schwefelwasserstoff.
• Der kleine Grimmdarm, ungefähr 4 Meter lang und 10 cm im Durchmesser. Bis die Nahrung im kleinen Grimmdarm ankommt, sind fast alle Nährstoffe entzogen. Im kleinen Grimmdarm werden dem flüssigen Brei jetzt noch Wasser und Salze entzogen, damit der Körper nicht zuviel Flüssigkeit verliert. Durch die Peristaltik (Muskeltätitgkeit) wird der verdickte Brei weiter Richtung Anus gepresst.
• Der Mastdarm. Hier formen feste Muskelstreifen und die dazwischenliegenden Taschen die sogenannten Pferdeäpfel.
• Der Anus; die Pferdeäpfel drücken auf die Ringmuskeln am After und alarmieren das vegetative Nervensystem des Pferdes. Die Ringmuskeln erschlaffen, das Pferd äpfelt.
Für die Praxis in der Fütterung bedeutet all dies:
Keine Experimente mit Futtermitteln! Eine Futterumstellung stellt einen massiven Angriff auf die „Futterfabrik“ des Pferdes dar. Neue Futtermittel können und sollen nur äußerst langsam und in kleinen Mengen im Austausch oder als Beigabe zu den bisherigen Futtermitteln gegeben werden. Ein Umstellungsprozess, der mehrerer Wochen dauern kann.
Es bedeutet auch, keine Großen Futtermengen! Lieber kleine Mengen mehrmals am Tag füttern. Für die Erhaltung alleine benötigt ein Pferd kein Kraftfutter, da genügt Heu und/oder Gras vollkommen. Ein Pferd in Arbeit sollte eine Stunde vor und nach der Arbeit kein Futter bekommen, um den Kreislauf während der Arbeit nicht unnötig zu belasten und nach der Arbeit ein Optimum an Futterverwertung herauszuholen. Ansonsten Koppelgang, Koppelgang, Koppelgang, viel frische Luft und Bewegung – das tut unseren Pferden gut.
Das equine Verdauungssystem ist eine komplizierte Gruppierung von Organen, die für das frei-weidende Tier bestimmt ist. Wir müssen uns über die einschneidenden Veränderungen durch den Menschen im Klaren sein, um unseren Pferden ein besserer Partner zu werden. Man kann Veränderungen in kleinen Schritten vornehmen, wenn große aufgrund der äußern Umstände nicht möglich sind. Und wir sollten dies in jedem Falle tun, denn nichts kann uns mehr am Herzen liegen, als das Wohlbefinden und die Leistungsbereitschaft unserer Pferde Nehmen Sie sich einfach mal etwas Zeit und überdenken Sie Ihre Futterroutine. Was füttern Sie, wann und wie wird gefüttert und welche Konsequenzen hat das für Ihr Pferd. Es lohnt sich spätestens dann, wenn Sie keinen Tierarzt mehr brauchen, um Verdauungsprobleme ihres Pferdes zu behandeln.
Autorin
Patricia C. Thompson erhielt 2007 an der Michigan State University den Abschluß in Animal Health and Welfare und befasst sich seit 2005 mit der Entwicklung und nachhaltigen Herstellung vegetabiler Leder bei der Fa. HORSELITE Products)
[...] Verdauungssystem der Pferde aber ist für die Aufnahme kleiner Mengen ausgelegt. So klein, wie sie eben sind, wenn [...]